Ursachen und Herausforderungen des Nationalismus in Bosnien und Herzegowina (03.04.2017)


Hier ist das Video zur Veranstaltung. Sag' uns was du davon hältst!


Bosnien und Herzegowina befindet sich seit dem Krieg (1992-1995) in einem Stillstand. Bosniaken, Kroaten, Serben und viele mehr leben in diesem Staat mit ihren jeweiligen Feindbildern an der Seite. Der ewige Ethnonationalismus drängt die Einen aus dem Land und die Anderen, die übrig bleiben sind Schachfiguren eines Spiels ohne Sieger.

 

Deswegen haben wir die Bosnisch und Herzegowinisch - Österreichische Jugend eine Podiumsdiskussion zu diesem Thema veranstaltet. Wir möchten gleich zu Beginn festhalten, dass Bosnien und Herzegowina die Heimat aller seiner Bewohner ist - unabhängig ihrer ethnischen Zugehörigkeit, Religion oder Kultur.

 

Geladen waren renommierte Experten zum Thema Bosnien und Herzegowina. Im Folgenden möchten wir sie euch vorstellen und euch gleichzeitig einen Überblick über die Thematik geben.


 

Dr. Ana Mijić, M.A.

 

Hier ein Auszug aus ihrer Arbeit. Sie beschäftigte sich mit der Frage der Identität in Bosnien und Herzegowina. Sie ist am Institut für Soziologie tätig und mehrfach für ihre Arbeit ausgezeichnet. (Quelle)

 

"Am Anfang stand die Frage: Wie konstruieren die Menschen nach all diesen Kriegserfahrungen ihre Identität?", sagt Mijić. "Durch Vertreibung, Verfolgung und Ermordung wurden die Menschen gezwungen, sich zu einer ethnischen Gruppe zugehörig zu fühlen, was ihre Selbstwahrnehmung prägte. Heute wird aber von ihnen verlangt, gemeinsam in einem staatlichen Gebilde zu leben." (Quelle)

 

"Jeder hält seine Gruppe für die Guten und die anderen für die Bösen. Und jede Gruppe hält sich selbst für das Opfer. Diese „Selbstviktimisierung“ taucht auch bei der Berichterstattung im Vorfeld des Gedenkens an das Massaker von Srebrenica auf, das sich heute, am 11.Juli, zum 20. Mal jährt. „Die serbische Seite sieht sich als Medienopfer, hält die Opferzahlen für überspitzt und sagt, dass dies kein Genozid war“, sagt die Soziologin. Dabei sei es schwierig, so lange Zeit nach dem Krieg das Opferbild aufrechtzuerhalten: „Immerhin wird man ständig mit den anderen Ethnien und ihrer Sichtweise konfrontiert.“ Mijic fand in den Gesprächen verschiedene Strategien, die es der Bevölkerung ermöglichen, weiter an ihre Opferrolle zu glauben. Erstens kann man den anderen vorwerfen, nicht die Wahrheit zu sagen und Geschichten für konstruiert abtun. Weiters würden viele den Krieg „subjektivieren“, also ihn als Naturkatastrophe empfinden und somit die Menschen aus jeglicher Verantwortung nehmen. Und Mijic ortet eine starke Tabuisierung des Krieges im „interethnischen“ Gespräch. „Über dieses Schweigen, wenn es um den Krieg geht, forsche ich nun am Institut für Soziologie weiter“, sagt sie. (Quelle)


Es fehlt eine gesamtgesellschaftliche Identität, über ethnische Zugehörigkeit hinweg. Politische Akteure nutzen den Ethnonationalismus für ihren Vorteil.


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Hier ein Interview mit Valentin Inzko, slowenischstämmiger Österreicher und Hoher Repräsentant für Bosnien und Herzegowina seit 2009. Er war von 1996 bis 1999 der erste Botschafter Österreichs nach dem Krieg in Bosnien-Herzegowina. Inzko ist auch Ehrenbürger von Sarajewo. (Quelle)

 

In diesem Interview spricht die Kontrollinstanz verkörpert durch Inzko, über Reformen und Absurditäten im Land. Es wird auch klar welche Stellung die internationale Staatengemeinschaft in Bosnien und Herzegowina hat und welche Erwartungen die Bevölkerung in Bosnien und Herzegowina von dieser hat.


Das politische System mit dem Hohen Repräsentanten an der Spitze ist notwendig um den Prozess zur Integration nach Europa zu garantieren. Aber die Kontrollinstanz, so die Kritik, ist zahnlos geworden. Ist der Daytoner Friedensvertrag zur Zwangsjacke mutiert?


 

Dr. Vedran Džihić,

 

ist Professor für Politikwissenschaften an der Universität Wien und Senior Researcher am Österreichischen Institut für Internationale Politik.

 

Das zentrale Problem ist dabei, dass an die Stelle des Bürgers (Citoyen) der ethnonational definierte Mensch und damit an die Stelle der Bürgergesellschaft die jeweiligen ethnonationalen Kollektive (der Serben, der Kroaten und der Bosniaken) als zentrale politische Subjekte gesetzt wurden. (Quelle)

 

Korruption, Reformstillstand und vom Krieg aufgerissene Gräben machen es den Bosniern schwer. Das Friedensabkommen von Dayton (1995) verhindere heute das Zusammenkommen der unterschiedlichen Gruppen, ist Džihić überzeugt. "Der Ethno-Nationalismus" – also das Beharren auf den ethnischen Trennlinien – rücke eine Aussöhnung in weite Ferne. Die meisten Politiker ziehen aus dem gegenseitigen Misstrauen Profit und spielen mit der Angst, sagt Džihić. (Quelle)


Die Verfassung, politische Akteure und ein fehlender gemeinsamer Nenner zwischen den Ethnien sind Gründe für den Stillstand. Wann werden die Bürger in Bosnien und Herzegowina für Ihre Rechte einstehen und genug Ausdauer zeigen um einen politischen Umbruch zu ermöglichen?


 

Mag. Dr. Nedad Mem,

 

geboren in Sarajewo war von 2009 bis 2015 Chefredakteur bei Kosmo. Beschäftigt sich unter anderem mit der bosnischen und deutschen Sprache. (Quelle)

 

2014 - (Quelle) - schrieb er "Bosnischer Frühling: Erwachen aus einem Wachkoma". Hier ein kurzer Auszug aus seinem Bericht. "Bosnien-Herzegowina ist heutzutage eine Gesellschaft, die ihre Werte weitgehend verloren hat: Vorbilder für die Jugend sind dort frischgebackene Millionäre, ihr Karriereziel ein wohl dotierter Posten in der zur Absurdität aufgeblasenen Verwaltung: Denn nur dort ist jeden Monat ein Gehalt garantiert."

 

"Dann kamen die Proteste, die für viele Bosnier und Herzegowiner eine lang ersehnte Beendigung dieses unerträglichen Stillstands bedeuten - das mediale und gesellschaftliche Interesse an den Geschehnissen in diesem Land war in den letzten 18 Jahren nie so groß wie jetzt." "Nach 22 Jahren ist die Protestkultur in Bosnien-Herzegowina ein zartes Pflänzchen, das man vorsichtig gießen muss, um erste Früchte zu tragen. Die ersten Bürgerversammlungen nach den Protesten in Tuzla, Sarajevo oder Mostar geben uns die Hoffnung, dass man den Mut und Glauben an die Zukunft des Landes nicht verloren hat." 

 

Ein Ausschnitt aus seinen Kommentaren (Quelle):

"Nun hat zum ersten Mal nach dem Krieg die Bevölkerung ihren Unmut gegen die herrschenden Strukturen lautstark geäußert - und dieser Unmut war nicht ethnisch, sondern sozial ausgerichtet. "

"Es wäre wahrlich noch sehr früh, von einem "Bosnischen Frühling" zu sprechen. Diese Demonstrationen dauern zu kurz, sie sind nicht massenhaft genug, und die Forderungen der Demonstranten sind bei weitem noch nicht ausgearbeitet. Was aber einen Funken Hoffnung gibt: Die engagierten Bürger in Bosnien-Herzegowina haben begriffen, dass sie durch Demonstrationen und andere Formen der Partizipation - etwa durch die Bürgerversammlungen, die bereits in Tuzla oder Sarajevo tagten - über ihre Probleme, Ängste und Sorgen offen sprechen und so Demokratie ausbauen können. "


Sind die Bosnier und Herzegowiner fähig einen Umbruch aus der Mitte der Gesellschaft voranzutreiben um sich von dem Umstand zu befreien Spielball der Politik geworden zu sein?


Hier ein Ausschnitt von den Protesten in Bosnien und Herzegowina im Jahr 2014. Alle Medienberichte des ORF in Österreich wurden zusammengetragen und sind in diesen zwei kurzen Ausschnitten zu sehen. 

Wir sind nicht für den Inhalt oder für den Betreiber verantwortlich, weder stehen wir mit dem Bereitsteller in einem Näheverhältnis. 

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Ein Blick in andere Staaten.

 

2017 (Quelle) Die Großdemonstrationen in Rumänien ebben nicht ab. Im Gegenteil: Am Sonntag verlangten bei Großkundgebungen insgesamt 500.000 Menschen den Rücktritt der Regierung – ein Höhepunkt der seit mehr als einer Woche andauernden Proteste. Auch am Montag gingen allein in der Hauptstadt Bukarest rund 10.000 Menschen neuerlich auf die Straße. Die Demonstranten verlangen den Rücktritt der Regierung. Sie werfen ihr Versagen im Kampf gegen die Korruption vor.  (Quelle)


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